FakeMedia – ein Leben in der Blase

Die Verlockungen der sozialen Medien sind groß, aber eben auch die Gefahren.

Wenn jemand immer nur auf die Inhalte einer bestimmten Partei oder Organisation klickt, die abwegige Ansichten verbreitet, wird er in seinem personalisierten Newsfeed vor allen Dingen Nachrichten aus diesem Spektrum bekommen. Es wird dann immer schwieriger, die eigenen festgefahrenen – und manchmal falschen – Weltanschauungen zu korrigieren. Andere Meinungen, andere Nachrichten, andere Medien oder Menschen, die andere Symbole tragen werden schnell als “Lügenpresse” oder als Faschisten oder als Antifa diffamiert. Es ist ja so bequem in der eigenen Blase.

Es liegt im Interesse der Anbieter sozialer Medien, die Nutzer möglichst lange auf ihrer Seite zu halten und sie zu immer neuen Klicks zu animieren. Beim Besuch von Social-Media-Plattformen geben die Nutzer Informationen über sich preis, die sich an Werbekunden verkaufen lassen. Das ist das Geschäftsmodell. Lange Verweildauern auf einer Seite lassen sich durch die Personalisierung des Newsfeeds erreichen (!!!!). Facebook mit seinen Ablegern Instagram und Whatsapp ist ein schönes Beispiel dafür. Warum wurde wohl der Messender aus Facebook herausgelöst? Antwort: das bringt Klicks.

Sicherlich trägt aber auch die Art der Inhalte dazu bei: Unser Gehirn reagiert stark auf ungewöhnliche, neuartige und besonders krasse Informationen. Wir beschäftigen uns mit solchen Inhalten intensiv und klicken immer weiter. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum sich Fake News so schnell verbreiten. Es gibt aber auch die andere Wirkung: soziale Medien wirken einschläfernd. Wer sich ständig in bestimmten Blasen bewegt, glaubt am Ende die Welt bestehe nur aus lustigen Katzenbildern und -videos oder aus lustigen Pleiten, Pech und Pannen. Einige TV-Sender leben bereits davon.

Es gibt die Theorie, dass das einen evolutionären Hintergrund hat. Für unsere Spezies war es schon immer wichtig, besonders neue und damit vielleicht überlebensnotwendige Informationen schnell zu verarbeiten und sich darüber in der Gruppe auszutauschen. Der zweite wichtige Punkt ist, dass Fake News meist so angelegt sind, dass sie starke Emotionen wecken. Diese Emotionalisierung spielt in sozialen Medien nach allem, was bekannt ist, eine extrem große Rolle.

Emotionen stimulieren sehr alte, reflexhaft arbeitende Teile des menschlichen Gehirns und drängen die Signale des evolutionär jüngeren präfrontalen Kortex, der das Bewusstsein und den Verstand steuert, in den Hintergrund. Anders gesagt: Wenn Wut, Zorn und Ärger sehr stark stimuliert werden, fällt uns die bewusste Regulierung dieser Emotionen zunehmend schwer. Die Emotionen vernebeln dann den Verstand. Das nutzen einige Protagonisten auf perfide Weise aus, um Stimmung zu machen.

Ein schönes Beispiel ist die Corona-Demonstration in Berlin. Da stehen Menschen mit Regenbogenflaggen neben Trägern von Reichsflagge … und marschieren los.

Klar ist aber, dass diese beiden Gruppen überhaupt nicht zusammenpassen. Die eine steht für Vielfalt und Toleranz, die andere genau für das Gegenteil. Da spielt die Emotionalisierung durch das Thema Coronavirus sicherlich eine Rolle. Die Demonstrationsteilnehmer werden vordergründig alle mit der aktuellen Situation in der Pandemie unzufrieden sein, aber jeder hat auch andere, individuelle Gründe, dort zu demonstrieren. Nach aussen stellt sich das dann so dar, dass die Bürger hinter der Regenbogenflagge genau das gleiche wollen, wie die Zeitgenossen, die Schwarz-Weiß-Rot oder national-radikale Symbole tragen. Letztendlich vereinnahmt die eine Gruppe die andere Gruppe. Wenn überhaupt etwas dabei herauskommt, dann eher etwas was keinen zufriedenstellt.

Fake News sind eine Waffe, die mittlerweile sehr erfolgreich eingesetzt wird. Dass sie gezielt gesteuert und lanciert werden, liegt in der Natur der Sache. Dahinter stehen einzelstaatliche Interessen oder einzelne weltweit operierende Unternehmen, für die die Menschen einfach nur dumm sind, aber konsumieren sollen. Früher hieß das mal “Opium für Volk”.

(In diesem Text wurde ein Interview der SPIEGEL-Mitarbeiterin Julia Merlot mit Prof. Christian Montag von der Universität Ulm verarbeitet – Quelle).

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