Dein Fernsehen braucht Deine Aufmerksamkeit

In 80er Jahren gab es noch die kleinen Fundgruben und Bastlershops. Meistens stand der Inhaber noch selbst an der Ladentheke, war ein echter Tüfftler und wusste über alles und jedes Bescheid. In einem solchen Bastlerladen bin ich auf ein Mikrophon gestoßen. Es hatte keine Kabelanschlüsse, nur einen kleinen Stummelschwanz, der sich als Antenne herausstellte. Da ich gerne mit Sound- und Mikrophontechnik herumspiele, war ich begeistert. Das Ding wurde mit einer einfachen 9Volt-Blockbatterie betrieben. Noch begeisterter war ich als ich die kleine Stellschraube entdeckte, mit der man den Sendekanal problemlos im gesamten UKW-Band von 87 – 108 MHZ einstellen konnte. Dieses kleine Mikrophon lag gut in der Hand und man konnte die Sendeleistung schnell zwischen LOW und HIGH einstellen.  Ich war nicht schlecht überrascht als ich in der Stellung HIGH noch in 120 Metern über freies Feld bei Nachbarn im Radio zu hören war. “Wir haben Fledermaus-Alarm! Bitte, verlassen Sie sofort Ihr Sofa!” – Natürlich nur Spaß. Das kleine drahtlose Mikro liegt nun schon einige Jahre unbenutzt im Werkzeugregal.

Ein oder zwei Metaebenen höher ist dieses kleine Wunderding ist ein schönes Beispiel für ein Rundfunksystem, das den Empfänger oder Teilnehmer direkt und ohne Umwege erreicht.  Terrestrisches Fernsehen und Hörfunk können nicht – wie Übertragungen über das Internet – gedrosselt oder ausgeschaltet werden und begegnen bei massiver Nutzung keinen Überlastungsproblemen. Eine Zensur findet nicht statt, so heißt es im Gesetz. Aber im Internet oder bei Mobilfunkanbietern ist genau das möglich. Im übrigen ist genau das auch bei den großen Streamingdiensten wie Netflix, Amazon Prime u.a. der Fall oder zumindest möglich. Alle diese Dienste sind der öffentlichen Kontrolle entzogen und diesen im Wesentlichen als Plattform für die werbungtreibende Wirtschaft. Ist Werbeberieselung eigentlich systemrelevant? Wohl eher nicht.

Systemrelevant ist aber der terrestrische Rundfunk und natürlich gehört Fernsehen dazu. Eine der unabdingbaren Voraussetzungen für terrestrischen Rundfunk ist, dass dafür die notwendigen Frequenzen zur Verfügung stehen, hier die Frequenzen im UHF-TV-Spektrum (470 MHz bis 694 MHz), die vom Rundfunk (derzeit: DVB-T2) und der Kulturwirtschaft genutzt werden. Das Wort “systemrelevant” hat man in den Zeiten der Bankenkrise 2008/2009 oft gehört. Es bedeutet hier, dass ohne diese Einrichtung das große Ganze, nämlich die Demokratie in der föderalen Bundesrepublik Deutschland, nicht mehr funktioniert. Man könnte den Faden weiter spinnen und irgendwann landen wir wieder im Jahr 1933.

Die Hälfte des UHF-TV-Spektrums wurde in den letzten Jahren zugunsten des Mobilfunks versteigert und steht für Rundfunk und Kulturwirtschaft nicht mehr zur Verfügung. Diese Frequenzen sind besonders gut für die TV-, aber auch die Mobilfunkversorgung geeignet. In den nächsten Jahren wird entschieden, wie es mit den übrigen Frequenzen weitergeht, weil der Mobilfunk immer mehr Spektrum fordert. 

In diesem Zusammenhang sind aber nicht nur die Interessen des Mobilfunks (des Kapitals!) zu betrachten, sondern auch die Organisation unserer offenen Informationsgesellschaft und der Vielfalt der Meinungen zu klären. Haupteinsatzgebiet der drahtlosen Produktionsmittel ist, was viele gar nicht wissen, die Kultur- und Kreativwirtschaft, die mittlerweile einer der wichtigsten Wirtschaftszweige in Deutschland ist. Öffentlich-rechtliche TV-Sender (aber auch private), Schauspieler, Musiker, Pfarrer, Politiker, Lehrer und viele andere setzen in ihrem Beruf und Ehrenamt Funktechniken ein. Diese Nutzung darf nicht gefährdet werden und muss auch in Zukunft auf tauglichen und nutzbaren Frequenzbändern durchgeführt werden können. Nutzer drahtloser Produktionsmittel verfügen in der Regel nicht über die finanziellen Mittel, um innerhalb kurzer Zeit in neue Geräte für neue Frequenzbereiche zu investieren.

Um es drastisch zu sagen: ich könnte mit meinem kleinen Drahtlos-Mikrophon über 120 Meter in jedes Radio in der Nachbarschaft hineinquatschen, Rettungsdienste, Feuerwehr und Taxifunk stören und den Menschen ungehindert Dauerwerbesendungen ins Ohr schießen. Ich tue es natürlich nicht und ich will auch nicht, dass das im Großen passiert. Und ich möchte keine Zensur, unerheblich ob sie direkt erfolgt oder durch Plattformen, Mobilfunkanbieter oder staatliche Stellen.

Wenn Sie das Thema weiterverfolgen möchten oder auch die Sichtweise der Kultur- und Kreativwirtschaft kennen lernen wollen, dann empfehle ich Ihnen die Webseite SOS – Save our Spectrum.

Lesen Sie auch den älteren Beitrag: Was wird aus dem Antennen-Fernsehen

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