Achtung: Handy-Alarm

Kolumne von Hajo Schumacher (Netzwerker), Weser-Kurier vom 12.7.:

„Ist meine Nachricht angekommen?“

Früher als die Welt übersichtlich war hatte jede Wohnung einen Briefkasten. Bei uns kam die Post einmal am Tag gegen elf. In digitalen Zeiten trägt jeder Mensch mindestens ein Dutzend Briefkästen bei sich, die nach dem Überraschungsprinzip gefüllt werden und rund um die Uhr kontrolliert werden müssen. Wie Hütehunde auf Kokain kreisen wir unentwegt um die Apps. Mein hypernervöses Alarmsystem schreit: „Könnte etwas Wichtiges sein“, während die Lebenserfahrung seufzt: „Ist es aber nicht.“ Leider gewinnt meistens der Alarm.

„Stell doch auf Push“, rät das naseweise Kind, also jene Funktion, die mich benachrichtigt, sobald ich benachrichtigt worden bin. Kann man machen, denkt der datensensible Vater, aber das heißt, dass ich permanent alle Apps geöffnet halten muss, womit ich lückenlos überwacht und ausgesaugt werde. Andererseits: Wer sich nicht pushen lässt, hechelt der eigenen Verpassenspanik hinterher, auf zu vielen Kanälen. Dieses Internet, eigentlich erfunden, um mein Leben zu erleichtern, sorgt zuverlässig für Kommunikationschaos.Die Söhne kommunizieren über Whatsapp, der eine via Sprachnachricht, weil man da nicht schreiben muss. Wenn nun der Große nach einer schnellenAlgebra-Nachhilfe verlangt, während der Kleine das Nachhausekommen herauszögern will, bin ich schon auf zwei Kanälen aktiv, in verschiedenen emotionalen Zuständen.

Algebra-Nachhilfe ist von Ernst und Präzision geprägt, während Verhandlungen übers Nachhausekommen vom Kind absichtsvoll im Unklar-Spaßigen gehalten werden.

Gleichzeitig fragt die Gattin, die sich vor Jahren an das Medium E-Mail gewöhnt hat, was sie zum Abendbrot mitbringen soll. Und dann ist da noch der Kollege, der über den Facebook-Messenger pausenlos mittelkomische Filme schickt, während ich denke, es sei was Berufliches. Derweil meldet mein Laufkumpel über seinen bevorzugten Kanal SMS, dass sich unsere Verabredung um eine halbe Stunde nach hinten verschiebt. Die Direct Messenger von Instagram und Twitter habe ich heute noch gar nicht gecheckt. Dafür aber schon die Anrufe erhalten, ob irgendwelche Mitteilungen angekommen seien.

Der moderne Tag besteht vor allem daraus, Postfächer zu checken. Und immer diese Unsicherheit: Habe ich was übersehen? Da rufen wir doch lieber noch einmal an. Weil zu viele Mitteilungen in zu vielen Kanälen jeweils eine Bestätigungs-, Erklärungs- oder Vermisstenmeldung brauchen, ist der Tag mit Nachrichtendienst schnell rum. Ich weiß aber immer noch nicht, was ich heute Abend kochen soll.

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist schon deswegen alternativlos, weil junge Menschen jene wunderbare Fertigkeit namens „Funkdisziplin“ lernen. Motto: Fasse dich kurz, und wenn du nichts zu sagen hast, halt einfach die Klappe. Denn zu viel Gebrabbel ist nicht modern, sondern lästig. Während der Mangel diszipliniert, führt Überfluss zu kommunikativem Verlottern. In jenen märchenhaften Zeiten, als es drei Fernsehprogramme gab, war Telefonieren teuer und das Fax in privaten Haushalten wenig verbreitet. Also fand sich die Familie beim Frühstück zusammen, um die Aufgaben des Tages unwiderruflich zu verteilen, weil kaum eine Möglichkeit bestand, sich über Tag zu korrigieren.

Gefragt waren Klarheit, Zuverlässigkeit, Planungsmut. Der moderne Kanalsalat führt unweigerlich zu Unklarheit, Unzuverlässigkeit und Planungsschwäche.„Kann man doch alles ändern“, lautet das Mantra unserer Kinder, jener Prinzen und Prinzessinnen der unverbindlichen Vorläufigkeit. Ja, kann man. Muss man aber nicht, weil ein kommunikativer Dominoeffekt in Gang gesetzt wird – ändert einer seine Pläne, müssen alle anderen mitändern, und die Mitteilungen vermehren sich virenartig. So verwandelt sich individualität in Rücksichtslosigkeit.

Und es bedeutet wirklich keinen Zivilisationsfortschritt, wenn die Startzeit des Abendbrots jeden Tag aufs Neue verhandelt wird.

Kolumne von Hajo Schumacher (Netzwerker), Weser-Kurier vom 12.7.

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